Uschi Zietsch

Uschi Zietsch
Schriftstellerin, Reisefotografin, Verlegerin


Die Ausschreibung

60 Jahre Menschenrechte
Armin T. Wegner Literaturpreis "Menschenrechte"

Aus dem Pressetext: Der Wettbewerb wurde anlässlich des 30. Todesjahres des Dichters, Humanisten und "Gerechten der Völker" Armin T. Wegner (*1886 in Elberfeld - gest. 1978 im Exil in Rom) und des Jahres der Menschenrechte (60 Jahre Allgemeine Erklärung der Menschenrechte) von Amnesty International Schwelm/Wuppertal und der Internationalen Armin T. Wegner Gesellschaft ausgeschrieben.

Begründung der Jury zum 1. Platz:
In einer überzeugend einfachen und eindringlichen Sprache zeichnet die Autorin mit wenigen, aber präzisen Strichen den ersten Teil des Lebens eines lernbegierigen, fröhlichen Mädchens. Bis die Familie vor dem wirtschaftlichen Ruin steht und das Nesthäkchen unfreiwillig zur Ehefrau eines sehr viel älteren, reichen Mannes wird. Die Geschichte überzeugt durch die literarische Darstellung einer noch nicht untergegangenen Welt von Männerwillkür und Frauenverachtung, an der auch Frauen (Mütter) ihren Anteil haben. Aber diese Welt hat Risse, auch wenn sich Aische "noch nicht entschieden" hat zu leben.
 

Vorbemerkung

Am 10.12.2008 feierten die internationalen Menschenrechte 60 Jahre Bestehen. Eleanor Roosevelt verlas am 10.12.1948 die 30 Artikel der UN-Menschenrechtscharta, die inzwischen über 170 Staaten unterschrieben haben. Wer in die Vereinten Nationen aufgenommen werden will, hat verpflichtend die Charta zu unterzeichnen.

Die Allgemeine Erklärung beginnt:


"Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren."

Die Organisation der Islamischen Konferenz beschloss 1990 die Kairoer Erklärung der Menschenrechte. Diese ist eine reine Farce. Sie ist zwar im Wortlaut ähnlich gehalten, weicht aber inhaltlich erheblich von der Charta ab. Die Gleichberechtigung der Frau ist beispielsweise kein Thema, auch hat die Frau keinerlei Recht auf freie Religionswahl oder des Ehepartners. Alle aufgelisteten Rechte sind unter den Vorbehalt der islamischen Scharia gestellt.

Man könnte tausende Geschichten darüber schreiben, wie heute immer noch weltweit - auch in demokratischen Staaten wie den USA - gegen die Menschenrechtsbestimmungen verstoßen werden. Es ist traurig genug, dass diese Artikel überhaupt schriftlich niedergelegt werden müssen, weil sie eine Selbstverständlichkeit an sich sein sollten, über die man nicht lange nachdenken muss.
Um aber an dem ausgeschriebenen Wettbewerb teilnehmen zu können, musste ich mich für eine Geschichte, ein Thema entscheiden. Und das war unglaublich schwer. Schließlich grenzte ich mich auf die Situation der Frau ein und auf ein eher allgemeines Thema, in dem ich die Stellung der Frau in einer von patriarchalischer Willkür getragenen Gesellschaft zusammenfassen wollte. Ich sehe die Thematik meiner Geschichte als Basis für alle weiteren Missbräuche, denen Frauen ausgesetzt werden: Rechtlosigkeit, Beschneidung, Wegsperrung, Sklaverei, Zwangsprostitution, Vergewaltigung in jeder Form, auch als Kriegsmittel,Steinigung und vieles mehr. Bei allen Menschenrechtsverstößen sind Frauen immer ganz oben auf den "Ranglisten" der Opfer.

Aber warum habe ich überhaupt an diesem Wettbewerb teilgenommen?
Mein Vater Friedrich Zietsch wurde 1903 geboren. Er erlebte zwei Weltkriege mit, und Ende der 30er Jahre schwor er sich, wenn er lebend heimkehren würde, sich fortan für die Demokratie und die Menschenrechte einzusetzen. Er wurde SPD-Politiker, hob das Deutsche Grundgesetz mit aus der Taufe und wurde 1961, in meinem Geburtsjahr, Präsident der Deutschen Liga für Menschenrechte mit Sitz in München.
Da blieb etwas hängen.



 

Aische

Aische hat sich entschieden zu leben.
Sie kommt als Nesthäkchen der Familie zur Welt. Drei ältere Brüder hat sie, kräftige Jungs. Die anderen Geschwister, so erfährt Aische später, sind gestorben, weil sie zu schwach waren. Und nach Aische wird es keine weiteren Kinder mehr geben, hat der Arzt zu Aisches Mutter gesagt. "Hast du deswegen geweint?", fragt Aische an ihrem fünften Geburtstag. Sie hätte gern eine kleine Schwester gehabt.
"Nein. Ich bin froh, keine Kinder mehr zu bekommen", antwortet Aisches Mutter. "Ich werde zu alt dafür. Dein Vater ist auch froh."
"Warum hast du dann geweint, als ich auf die Welt gekommen bin?" Das weiß Aische von ihrem Vater.
"Weil du ein Mädchen bist."
"Ist es nicht gut, ein Mädchen zu sein?"
Darauf gibt Aisches Mutter keine Antwort. Als Aische nochmal nachfragt, weil sie es unbedingt wissen will, gibt die Mutter ihr eine Ohrfeige.
Aische lernt, dass ein Mädchen eine Frage immer nur einmal stellen darf, auch wenn es keine Antwort bekommt.

Aisches Vater hat Ziegen. Als Aische alt genug ist, hilft sie beim Melken und schleppt stolz die schweren Eimer, in der die Milch schwappt. Manchmal hilft ihr ein Bruder. Und ein anderer steckt ihr ein Stück süßen Fladen zu. Alle streichen gern über Aisches dickes, schwarzes, lockiges Haar. Aische ist hübsch. Sie ist gesund. Sie ist fröhlich. Sie lacht bei der Arbeit. Sie lacht beim Essen. Die Brüder mögen sie und scherzen mit ihr. Der Vater nimmt sie auf den Arm und gibt ihr einen Kuss. "Mein Sonnenschein", sagt er und lacht. Sein rauer Bart kratzt ihre Wange, aber Aische lacht mit.

Die Brüder gehen zur Schule. Aische nicht. Das Geld reicht nicht dafür. Aische verspricht, mehr zu arbeiten, damit sie auch auf die Schule gehen darf.
"Es ist nicht so wichtig", sagt die Mutter. "Du kannst ja doch nichts damit anfangen."
Aische trifft sich mit den anderen Mädchen aus dem Dorf, die alle ihre Freundinnen sind. Sie kichern und schwatzen. Ein paar von ihnen dürfen auf die Schule, und die anderen hören neiderfüllt ihren Erzählungen zu. Sie sind eine verschworene Gemeinschaft und hecken einen Plan aus: Die Schülerinnen wollen den ärmeren Freundinnen beibringen, was sie gelernt haben. Aische ist mit Feuereifer dabei und saugt alles in sich auf. Sie erzählt es nicht daheim, dass sie schreiben und lesen lernt, und inzwischen auch schon ein bisschen zählen kann. Sie will die Eltern damit überraschen, wenn sie größer ist und schon richtig gut. Die werden Augen machen!

Aisches Mutter zwingt sie, ihr Haar mit einem Tuch zu bedecken, als Aische zehn wird. Es ist schön bunt, aber Aische mag es nicht, sie fühlt sich eingesperrt. "Warum darf ich mein schönes Haar nicht mehr zeigen?", fragt sie. Statt einer Antwort gibt die Mutter ihr eine Ohrfeige.
Aische lernt, dass ein Mädchen nur dann eine Frage stellen darf, wenn es ihm erlaubt wird.

Als Aische elf ist, werden die Ziegen krank und sterben. Aisches Vater sitzt düster herum. Er lacht nicht mehr. Er nimmt Aische nicht mehr in den Arm. Die zwei älteren Brüder suchen Arbeit. Der dritte ist noch zu jung. Aisches Mutter hat nicht genug Essen im Haus. Und sie wird krank, liegt oft da und ist zu schwach, aufzustehen. "Wie soll es weitergehen?", fragt sie Aisches Vater.
"Ich werde zu Yusuf gehen und mir Geld leihen", antwortet er und nimmt Aische mit.
Yusuf ist ein reicher Mann, weiß Aische. Er trägt einen dicken Turban und einen langen Bart und saubere, weiße Sachen. Er hat viel zu sagen im Dorf. Er wird Aisches Vater helfen, hofft sie, und ist stolz, dass der Vater sie mitnimmt. Sonst hat er sie in der letzten Zeit kaum wahrgenommen.
Yusuf hört sich die Geschichte von Aisches Vater an. Er sagt: "Ich werde dir Geld geben, damit du neue Ziegen kaufen kannst. Und für den Arzt gebe ich dir auch Geld, damit deine Frau wieder gesund wird."
"Wie kann ich dir danken?", sagt Aisches Vater erleichtert.
Yusuf schaut Aische an. "Ich werde noch mehr für dich tun", sagt er. "Ich werde Aische zur Frau nehmen, wenn sie zwölf ist. Sie wird immer satt sein und gut gekleidet. Eine angesehene Frau. Deinem ältesten Sohn verschaffe ich Arbeit in der Stadt. Keiner von euch wird mehr Mangel leiden müssen."
Aisches Vater denkt nach. Dann stimmt er zu. Auf dem Heimweg ist er zum ersten Mal wieder fröhlich.

Aische fragt ihre Freundinnen, was es wohl bedeuten mag, Yusufs Frau zu werden. "Du wirst reich geschmückt werden am Hochzeitstag", sagen sie. "Und dann wirst du bei Yusuf leben und ihm dienen."
"Mutter", sagt Aische. "Ich will noch nicht Yusufs Frau werden und ihm dienen. Ich will bei dir bleiben und für dich sorgen."
"Gutes Kind", sagt die Mutter. "Aber du wirst tun, was dein Vater sagt. So ist es für uns alle das Beste. Du wirst gut versorgt sein, immer zu essen haben, und schöne Kleider tragen. Du wirst eine angesehene Frau sein im Dorf."
"Aber Yusuf ist ja noch älter als Vater", wendet Aische ein. "Er ist doch ein uralter Mann."
"Das hast du nicht zu entscheiden", sagt Aisches Mutter.
"Aber das ist ungerecht", beschwert sich Aische.
"Du bist ein Mädchen", sagt die Mutter. "Du tust, was man dir sagt. Gehorche und schweige, und alles wird gut sein. Du wirst Yusuf treu dienen. Das ist gottgefällig, und Allah ist groß."
Aische schweigt.
Aisches Mutter fügt hinzu: "Nun siehst du, wie richtig es war, dich nicht auf die Schule zu schicken. Du wirst von mir alles lernen, was du brauchst."

Am Hochzeitstag sagt Yusuf zu Aische: "Du bist nun meine Frau und lebst in meinem Haus. Du wirst in meinem Bett schlafen, wenn ich es verlange. Du wirst nicht weinen und nicht nörgeln. Dafür gibt es keinen Grund. Ich bin ein guter Mann." Zum Beweis gibt er Aische eine Ohrfeige, die nur rote Striemen seiner Finger hinterlässt und die sicher am nächsten Tag verschwunden sind. "Siehst du? Keine blauen Flecken", sagt Yusuf und trocknet lächelnd Aisches Tränen. "Tränen der Braut am Hochzeitstag bringen Glück", sagt Yusuf. "Das ist ein gutes Omen."
An ihrem Hochzeitstag sieht Aische ihre Freundinnen zum letzten Mal. Sie darf Yusufs Haus nicht mehr verlassen. Sie vermisst die Familie, aber als sie Yusuf bittet, ihre Eltern besuchen zu dürfen, sagt er: "Ich sorge für dich. Ich bin deine Familie. Du brauchst sonst niemanden."

Als Aische Dreizehn ist, bekommt sie ihr erstes Kind. Daheim, hat Yusuf verlangt, weil der Arzt in der Klinik sonst unverschämte Fragen stellt, die unehrenhaft für Aische sind. Aische ist während der Schwangerschaft nie untersucht worden, weil Yusuf nicht will, dass die Leute wissen, was für eine hübsche Frau er daheim hat. "Sie sind neidisch", sagt er zu Aische. Aische ist froh, dass sie schwanger ist. Yusuf sagt: "Du bist fett und hässlich", und lässt sie in Ruhe. Er schlägt sie nicht einmal mehr. Sie schläft allein und ohne Angst vor der Nacht und den Schmerzen. Es geht ihr gut, auch wenn sie einsam ist. Nur ihre Mutter steht Aische zur Geburt bei, und eine Nachbarin, die schon viele Kinder auf die Welt gebracht hat. "Sie ist kräftig", sagt die Nachbarin. "Sie wird es durchstehen."
"Schrei nicht so laut", mahnt Aisches Mutter, als sie sich in Presswehen windet, "das mögen die Männer nicht. Es stört sie beim Kaffeetrinken. Frauensachen dürfen die Männer nicht beeinträchtigen. Wir sind stark und still."
Endlich ist das Kind da. "Ein Junge", sagt die Nachbarin.
"Gepriesen sei Allah", sagt Aisches Mutter und schließt die Augen im stummen Gebet.
"Darf ich jetzt nach Hause?", bettelt Aische.
"Nein", antwortet Aisches Mutter. "Yusuf wird sehr zufrieden sein, und nächstes Jahr wirst du ihm einen zweiten Sohn gebären. Wir werden viele Ziegen bekommen."
Aische weint.
"Hör auf!", herrscht die Mutter sie an. "Du bist eine Schande für mich. Du hast das beste Leben bei einem angesehenen und vermögenden Mann. Er sorgt für uns. Du bist undankbar! Niemand mag eine nörgelnde Frau, die immer unzufrieden ist. Jede andere wäre glücklich, an deiner Stelle zu sein!"
Aber Aische will gar nicht an ihrer eigenen Stelle sein.
"Es ist so", sagt die Mutter abschließend, "entweder, du bist eine gute Frau, oder du bist tot."
Aische hat sich noch nicht entschieden.

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